Thomas Bruderer
Jul30th ’13 8:50 am

Das Elend der Online NZZ

Eintrag von Thomas Bruderer

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382 Kommentare

Die NZZ Seite hat vor gut einem Jahr einen konvergierten Relaunch realisiert, dabei wurden die Redaktionen zusammengelegt, ein neues Design aufgeschaltet, Strukturen geändert und am Ende eine Paywall aktiviert. All das habe ich Schritt für Schritt miterlebt, und nach über einem Jahr ist Mein Urteil endgültig. Wo ich vor einem Jahr noch recht gerne die alte NZZ Online genutzt habe, bin ich dazu übergegangen eher andere Seiten zu nutzen, da die Seite einfach schlechter geworden ist. Das regelmässige Cookies Löschen wegen der Paywall hat sich damit dann auch erledigt.

Die Seite hat sich sowohl Technisch als auch Inhaltlich verschlechtert und ist auch einfach nicht mehr so einfach zu benutzen. Auf der ganzen Linie sehe ich kaum Verbesserungen, aber eine grosse Menge Probleme die man teilweise auch Objektiv messen kann.

Design

Das Design ist natürlich teilweise eine Subjektiver Sache, aber eben nicht nur. Ich fand das alte Design wesentlich angenehmer. Ich habe mir die Mühe gemacht die Seite der NZZ auch mit anderen Schweizer Online Zeitungen zu vergleichen, und auch wenn es dort viele ähnliche Probleme gibt ragt die NZZ doch in einigen Dingen negativ heraus.

1.) Responsive Design / Mobile Devices

Im Jahr 2012 waren responsive Designs in aller Munde. Jeder wollte auf die mobilen Geräte. iPhone, iPad und ihre Android Pendants sind in der Schweiz weit verbreitet. Trotzdem schafft es die NZZ hier eine komplett untaugliche Seite zu bauen welche nicht responsive ist. Wenn man mit einem mobilen Gerät auf die Seite geht wird man gezwungen die Mobilversion zu benutzen welche ganz klassisch wie in den 90ern auf einer anderen Domain liegt. Das Design hat eine Fixe Breite von 1240 Pixel - auf meinem Netbook komplett unbrauchbar und auf meinem Desktop hat man trotz der enromen Breite kaum Inhalt sichtbar, selbst mit ausgeblendeter Werbung sehe ich nur 3 Artikel auf der Frontseite.

Hier muss man klar sagen: da waren Amateure am Werk. Jeder gute Webdesigner hätte vor diesen Problemen warnen können. Für ein neues Design ist das mehr als nur ungenügend. Das man es auch besser machen kann beweist die Tageswoche, welches ein Design hat welches vollständig Responsive ist. Damit ist die Tageswoche aber leider die Ausnahme. Hier hätte die NZZ sich absetzen können und echten Mehrwert bieten.

2.) HTML

Ich möchte nicht zu sehr auf der technischen Seite herumreiten, weil es für den Kunden am Ende wirklich egal ist ob das HTML sauber gebaut wurde, solange die Seite gut aussieht. Andererseits dürfte der HTML Code einen ganz guten Einblick auf die technische Seite bieten. Üblicherweise ist der HTML Code genauso sauber wie der Code der im Backend steckt. Wenn man die Frontseite der NZZ durch den w3c Validator jagt, dann gibts 149 Fehler und 20 Warnungen. Es ist ein Mix von HTML 4 und HTML 5, es scheint als ob man wild die Standards gemixt hat und auch nicht wirklich eine Ahnung hatte was die neuen HTML 5 Tags eigentlich bedeuten.

Der XML header nach dem HTML 5 Doctype ist ein lustiger WTF! Auch hier für eine professionelle Seite schlicht ungenügend.

3.) Typographie

Ich dachte ja wenn es irgendwo Leute gibt die sich mit Typographie auskennen müssten dann ist das in einer Zeitung. Aber das wäre wohl zu viel verlangt. Ich halte Schriften mit Serifen bei den momentanen dpi Zahlen der Desktop-Bildschirme für untragbar und einfach nur hässlich, das ist aber eine persönliche Einschätzung und ich verstehe, dass eine NZZ auch Online den Eindruck einer Zeitung erhalten will. Fast alle Zeitungen machen das so, doch der Blick zeigt, dass auch eine Zeitung mit serifenlosen Schriften gut arbeiten kann.

Aber selbst wenn man darüber hinwegsieht ist die Typographie eine Katastrophe. Bei sovielen Schriftarten, Schriftschnitten, Schriftgrössen wie auf der Frontseite verwendet werden kann man die Seite eigentlich nur mit einer Myspace Seite einer 13-Jährigen Vergleichen. Manche Titel sind mit Serifen, manche Ohne, Kommentare und Menu sind Serifenlos das Wetter aber wieder mit Serifen. Links sind manchmal Dunkelgrau mit Hover dann wieder Hellblau ohne Effekt. Die Schriften sind zudem wesentlich zu gross gewählt was zu einer sehr nervigen Platzverschwendung führt. Und dieses Schriftenchaos sind nur die Inhalte der NZZ, die Werbung fügt dann noch einige weitere Schriftarten und Schnitte hinzu.

4.) Nutzbare Fläche

Wie schon erwähnt ist die Seite 1240px Breit, für die Social Links scheint das nicht gereicht zu haben, die sind nochmals Links ausgebrochen aus dem Steifen Design - soll wohl modern wirken. Leider passt es überhaupt nicht zum Rest der Seite. Trotz dieser grossen Breite sind die beiden nutzbaren Spalten für Inhalte gerade mal 218 Pixel und 394 Pixel breit. und damit 50% der Breite. Gerade mal 3 Überschriften und 2 Teaser sind sichtbar ohne zu scrollen. (+ 3 Skybox Links + 1 Meinung/Debatte + News-Ticker) Mit Werbung sieht man gerade noch 2 Schlagzeilen und einen einzigen Teaser. Es ist grotesk.

Die Alte NZZ Online Seite war um Welten besser in der Platzausnutzung - das war ein massiver Schritt in die falsche Richtung.

Werbung

Die Werbung auf der NZZ Seite ist ein einziges Ärgernis. Die aggressive, hässliche und bewegte Flash-Werbung welche die NZZ den Usern ins Gesicht schlagen lässt, ist für mich Grund genug ein Paywall-Abo nicht mal in Erwägung zu ziehen.Werbung extrem auf der NZZ Seite

Ich hab mich mit diesem Screenshot vor 2 Monaten via Twitter beschwert. Gebessert hat sich gar nichts. Ich finde Werbung in Ordnung für gratis Angebote und hab sie bis anhin nie geblockt, aber die aggressive Art der NZZ hat mich tatsächlich dazu gebracht einen AdBlocker zu installieren. Bis jetzt hab ich jeweils einmal im Monat überprüft ob die Aggressive Werbung noch existiert, surfe die NZZ aber sonst Werbefrei und damit zumindest einigermassen benutzbar.

Die Zeitungen mit dieser Art von Werbung schneiden sich ins eigene Fleisch. Diese Art Werbung stört massiv und wenn man einen Adblocker mal installiert hat wird man ihn auch nicht mehr so schnell deaktiveren. Wenn die Zeitungen nicht sehr schnell sanftere Formen von Werbung anwenden werden die Adblocker weiter Marktanteile gewinnen. Mein Mitleid hält sich in Grenzen, solange zu solchen Methoden gegriffen werden. Flash-Werbung gehört nicht in eine Zeitung. Man stelle sich vor in der gedruckten Zeitung würde ständig irgendwas blinken.

Ist die Werbung wenigstens weg wenn man ein Paywall Abo hat? Ich weiss es leider nicht und würde mich auf Feedback freuen.

Update:

Danke für das Feedback in den Kommentaren. Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Die Werbung ist selbst dann noch da wenn man für ein Online-Abo bezahlt. Ich hatte das vermutet - eine Zeitung hat schliesslich auch Werbung obwohl man sie zahlt - warum sollte man das ändern? Für eine Online-Seite ist das aber eine echte Zumuntung insbesondere bei der aggressiven Form. Bei einem so teuren Bezahlangebot darf das definitiv nicht sein.

Paywall

Die NZZ ist die Erste Zeitung der Schweiz welche eine Paywall hat. Technisch wird verfolgt wie oft man auf der NZZ Seite ist und nach dem 10 Mal wird ein HTML Layer über den Artikel gelegt der zwar nervt und für den unbedarften User unüberwindbar scheint. Der Artikel ist trotzdem im Source vorhanden. Es geht der NZZ also nicht wirklich darum das Lesen zu verhindern sondern einen Anreiz zu schaffen für das Angebot zu zahlen, das finde ich gut. Das Tracking wird via Cookies gemacht. Surfen mit einer Anonymen Session umgeht also die Paywall bereits, man kann aber auch wie unten erklärt alle NZZ Cookies löschen.

Der Tagesanzeiger hat schon darüber berichtet das die Paywall wohl ein grosser Flop ist und nichtmal die Paywall selbst finanziert hat. Einige Gründe warum man auch kaum geneigt ist für solch ein Angebot zu zahlen habe ich bereits erwähnt, doch da gibt es noch einen weiteren Grund und zwar der unverschämt hohe Preis für ein Online Abo.

Wie umgeht man die Paywall?

In Firefox. Man gehe im Menü auf Extras / Einstellungen und wählt dann Datenschutz aus. Dort angelangt klickt man auf den blauen Link "einzelne Cookies" in der unteren Hälfte des Fensters. Ein Cookies Fenster mit allen Cookies öffnet sich. Oben ins suchfeld gibt man "NZZ" ein und dann klickt man auf "Alle Cookies löschen" Dies löscht nur die NZZ Cookies und man kann Problemlos wieder einen neuen Artikel auf der NZZ Seite lesen.

Abo-Preis

Wieviel ist Information Wert welche zumindest über Umwege Gratis gesehen werden kann? Es ist klar das die NZZ versucht den Preis so hoch anzusetzen dass sie ihren Gewinn maximieren. Die NZZ bietet keine Möglichkeit an einen einzelnen Artikel zu zahlen und auch kein Abo für kurze Zeit. Man muss sich mindestens 3 Monate binden und das für fast 140 Franken. Für die Zeitung aus Papier gibt es wenigsten die Möglichkeit ein Einzelexemplar zu kaufen. Das fehlt Online kompklett. Die NZZ hat so Angst dass sie ihre Papierzeitung kanibalisiert, dass sie vollkommen am Markt vorbei operiert und überrissene Preise für das Online Abo verlangt. Man muss sich fragen wie man auf solche Zahlen kommt!

NZZ Abos pro Jahr pro Monat
Zeitung auf Papier 628 52.33
Online Zeitung 452 37.66

Das Bezahlmodell orientiert sich ganz stark an der Zeitung aus Papier und verbaut sich somit die Chance ein wirklich neues Kundensegment zu erschliessen. 37.-/Monat ist das günstigste Abo mit minimalem Mehrwert und einer Bindung von einem ganzen Jahr. Zum Vergleich, die New York Times kann man monatlich abonnieren für 15USD für einzelne Monate.

Es ist nicht so, dass andere Schweizer Online Zeitungen soviel besser wären, viele der technischen Probleme, Design-Fehler und absolut unerträgliche Werbeformate sind allgegenwärtig, aber nur die NZZ hatte einen grossen Relaunch und eine Paywall aufgebaut. Und beides ist meiner Meinung nach gescheitert. Die Frage ist nun ob es trotzdem Versuche zur Nachahmung geben wird und ob diese wenigstens etwas aus dem Scheitern der NZZ lernen werden.

Kommentare

  • Geschrieben von Tobias, 30/07/2013 12:15pm (vor 4 Jahre)

    Danke für deine Analyse und Zusammenfassung. Einige Punkte teile ich, auch wenn man der NZZ immerhin zu Gute halten muss, dass sie sich immerhin weiterentwickelt und kontinuierlich optimiert. Dass dabei nicht jeder Schuss ein Volltreffer wird, ist schade, aber verständlich.

    Etwas ist mir aber auch aufgefallen: Obwohl treuer Offline-Leser der NZZ, wechsle ich wieder häufiger zu anderen Websites um Nachrichten zu lesen. Obwohl mir die Qualität der Artikel und Themenwahl bei der NZZ deutlich besser gefällt.

    Die Werbung ist übrigens auch innerhalb der Paywall vorhanden, was sicher für den Verlag Sinn macht (analog der gekauften Zeitung), für online-affine User aber wenig logisch wirkt (analog zB Spotify).

    Gibt also noch viel Potential, aber eben: Immerhin scheint jemand gewillt, etwas zu wagen in einem Umfeld, das sehr komplex ist. Das sind die guten Nachrichten.

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