Thomas Bruderer
Oct09th ’13 8:00 pm

Das Scheitern der Piraten

Eintrag von Thomas Bruderer

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An der Piratenversammlung am 28.September 2013 bin ich offiziell mit 4 anderen Piraten aus der Piratenpartei ausgetreten. Es war nötig und im Rücklick der absolut richtige Entscheid. Das Scheitern hatte sich schon länger abgezeichnet aber mit der letzten Versammlung haben sich viele langjährige Mitglieder nicht mehr identifizieren können. Der Fall-Out aus dieser Selbstzerstörung ist noch lange nicht vorbei. Weitere Vorstände sind zurückgetreten, die grösste Austrittswelle seit der Gründung hält immernoch an und nun ist eine ganze Sektion ausgetreten und am Samstag wird sich höchstwahrscheinlich eine Sektion ganz auflösen.

Um die abgelutschten See-Metaphern noch ein letztes mal zu verwenden, das Boot ist nicht nur leck geschlagen, es ist am sinken.

Wie konnte es dazu kommen und warum war ausgerechnet diese PV der Tropfen der das Fass zum überlaufen brachte?

Individualisten

Der Zusammenhalt der Piraten war nie sehr gross, es ist eine Partei von Individualisten die alle glauben sie wüssten es am besten, und leider ohne gemeinsames Fundament. Die Themen die uns als Einheit zusammen brachten sind ungeeignet um Konflikte zu lösen. Seit es eine Gruppe von Piraten gibt welche selbst die einzigen Grundwerte angreifen welche das könnten ist die Partei im sich am zerreisen. Diese Mike-Shiva Piratenfraktion welche mit echten Piraten nichts zu tun hat, hat es geschafft in wenigen Wochen die Leute so gegeinander aufzuhetzen dass viele Leute nicht mehr miteinander Reden geschweige denn zusammenarbeiten können.

Trotz des Individualismus hat man sich lange Zeit zusammengerissen und es war ein ungeschriebenes Übereinkommen, dass man umstrittene Themen versucht aussen vor zu lassen um zu verhindern dass es die Partei zerreist. Man muss fast meinen das einige Mike-Shiva Piraten genau das vorhatten, oder sie waren schlicht zu dumm um zu erkennen dass sie gerade in windeseile die Partei zerstören.

Die Lust zur Freiheit hat auch dazu geführt dass der Vorstand keinerlei Macht hat und somit nicht eingreifen kann und falls er es tun würde, dann würde er zerfleischt werden. Ich habe mich die letzten Wochen noch als aktiv und konstruktiv in die Diskussion eingebracht und ich hab es am Ende sogar mit trollen versucht. Die Hilflosigkeit ist einerseits traurig und anderseits äusserst amüsant, es ist als einzelner wahnsinnig einfach den Betrieb durcheinander zu bringen.

Wenn man die Regeln der Piraten kennt, kann man immer im allerletzten Moment eingreifen und nochmal alles wieder von vorne starten. Und wenn man es nicht besser wüsste dann müsste man sagen die Leute machen das absichtlich so. Das schlimme ist, Absicht dürfte kaum dahinter stecken - es ist schlicht Unfähigkeit. Fakt ist das die Piraten viele Menschen mit sozialen Beeinträchtigungen anzieht und so wirkt es dann manchmal auch wie in einer Selbsthilfegruppe wenn Leute vor Diskussionen geschützt werden sollen.

Es gibt einige Piraten bei denen ich beim besten Willen nicht erkennen kann was sie bei den Piraten wollen. Sie haben mit Piraten nichts gemeinsam aber sie sehen nicht dass sie am falschen Platz sind. Mit abgrenzen tun sich die Piraten aber sehr schwer, was den Zerfall beschleunigt.

Anarchisten

Von Anfang an gab es eine Gruppe Anarchisten welche am liebsten gar keine Struktur hätten. Lustigerweise hat dass dazu geführt das wir wenig echte stabile Strukturen haben, diese aber in einem formalen Albtraum überspezifieziert sind. Einen Vorstand gibt es zwar, aber es gibt Referendumsmöglichkeiten, Urabstimmungen und wenn der Vorstand seine bescheidene Macht ab und zu einsetzt gibt es auch gerne mal Sätze wie diese: "Darf der Vorstand das eigentlich?"

An den vielen Formalitäten bin ich aber auch selbst Schuld, man traut bei den Piraten keinem weiter als man ihn werfen kann. Das führt dazu das man jede Eventualität abzudecken versucht um auch ja keine Schlupflöcher zu lassen. Das hat am Ende dazu geführt das die Regeln einfach komplett ignoriert wurden, nicht mal die Schatzmeister wissen was in der Finanzordnung steht. Der jetzige Schatzmeister dürfte sich noch nicht im Klaren sein auf was er sich da eingelassen hat, und hat sicher bald ein internes Schieds-Gerichtsverfahren am Hals.

Diese ständige Angst das andere vielleicht etwas sagen könnten was man selbst nicht unterstützt hat dazu geführt das man möglichst nichts mehr sagt, und genau so kommunziert auch der Vorstand. Gar nicht.

Es ist auch sehr interessant zu vergleichen: die Schweizer Piraten sind noch einer der eher organisierteren Piraten, aber diese Selbstzerstörung gibt es bei allen Piratenparteien egal wo. Viele Piratenparteien sind am auseinanderbrechen oder sind bereits in mehrere Parteien zerbrochen. Es ist ein Phänomen welches man überall sieht und trotzdem scheinen die wenigsten Piraten zu reflektieren dass ihre Ideologie an dieser Katastrophalen Lage schuld sein könnte. Es sind die Piraten welche einer Ideologie nachjagen.

Esoteriker

Neben den klassischen Themen der Piraten, Urheberrecht, Zensur, Computerspiele haben wir zwei grosse Punkte welche eigentlich zum Lösen solcher Probleme geeignet wären. Zum einen ist das die Abgrenzung gegenüber Übernatürlichem welches unsere Laizismusposition verkörpert und die Achtung der Menschenrechte. Eine nicht zu unterschätzende Zahl an Verschwörungstheoretikern und eine Gruppe welche man nicht anders als Esoteriker bezeichnen kann untergraben diese Punkte in pervertierter Form welche jegliche Kritik an ihnen abspricht. Mit dieser neuen Irrationalität war es unmöglich einen Konsens zu finden. In ihrer  eigenen kleinen Welt machte das Sinn, schön zu sehen war wie dieses Lokale Phänomen aus einer Sektion durch falsches Mitleid plötzlich National diskutiert wurde.

Alle Parteien müssen mit solchen Störungen klar kommen, doch proportional haben wir ein viel grösseres Problem.

Wenn Leute mit Themen wie "Piezonuklearem Effekt", "Vollgeld" oder ähnlichem in anderen Parteien auftauchen, dann kann man die ignorieren. Aber bei uns gibt es eine grosse Fraktion die glaubt man müsse jeden Unsinn diskutieren. Damit wird den Trollen und Verschwörungstheoretikern also eine Platform geliefert die sie auch gerne nutzen.

Nicht alle Themen sind gleich Wertvoll und man kann jemandem auch sagen das seine Theorien Schwachsinn sind ohne darüber Wochen zu diskutieren und sinnieren. Trotzdem hatte ich viel Vertrauen in die Piraten weil am Ende meist das Richtige Resultat rauskam, doch an der Piratenversammlung änderte sich dies teilweise. Die Trolle nahmen überhand.

Piratenversammlung

Die Piratenversammlung hat nochmals alle Kritikpunkte von Oben bestätigt. Es war eine schlecht organisierte und mieserable geführte Veranstaltung. Die Kritik welche im vornherein eingebracht wurde, wurde wie üblich von den Antragsstellern ignoriert und wir haben zum x-ten mal diese verdammten Spenden diskutiert. Trotzdem haben die Piraten heute immernoch die gleiche Regelung wie bei den letzten vier Änderungsversuchen.

Wir haben die gleichen organisatorischen Probleme wie schon bei der Gründung. Nur ist die Begeisterung weg welche diese organisatorischen Probleme überspielen konnte. Michael Gregr, ehemaliger Präsiden der Piratenpartei Zürich hat das viel besser auf den Punkt gebracht als ich es könnte: wenn ihr wollt wie Lernresistent die Piraten sind müsst ihr hier weiterlesen.

Der Grossteil der Anwesenden war schlecht bis gar nicht vorbereitet, und ich möchte sagen eine teil der Teilnehmenden muss man als unpolitisch beschreiben. Die Entscheide waren willkürlich, die Mehrheiten so knapp mit gerade mal 50 Teilnehmern das jegliche Geschlossenheit fehlte. Man konnte sich nicht mal eindeutig drauf einigen das man zuerst Politik macht.

Die parteiische Moderation welche bestimmten Leuten wesentlich mehr Zeit liess als dem Rest, und die Wahlen welche komplett kritikfrei stattgefunden hatten gaben dann vielen den letzten Rest. Sie entschieden sich, dass es so nicht weitergehen kann.

Wir waren stinksauer mit der PV und wir waren schon frustriert und wollten das nicht länger mit ansehen, jeder hatte andere Gründe, aber alle wussten - so kann es nicht weiter gehen. Darum standen wir zu fünft an die Mikrofone und gaben unseren Austritt bekannt.

Bezeichnenderweise wollte die unfähige Leitung das unterbrechen... wie ein Vogel Strauss, komplett unfähig zur Reflektion dass hier grad 10% der Versammlung Austritt.

Zukunft

Für mich ist es eine Erleichterung nicht mehr erklären zu müssen warum ich Pirat bin. Ich war erleichtert nach dem Austritt wie schon lange nicht mehr. Aber ich konnte nicht einfach Leb wohl sagen und habe die letzten zwei Wochen sehr intensiv beobachtet und Feedback gegeben.

Es wurde nichts daraus gelernt. Jeder hat seine eigenen widersprechenden Theorien warum es gescheitert ist und tolle Ideen wie es weiter gehen soll, natürlich genauso wie man sich das davor schon immer gewünscht hat ohne jegliche Konsenssuche.

Von Aussen habe ich erst gesehen wie sehr sich diese Partei bereits desintegriert hat, es sind nur noch eine Handvoll fähiger Leute dabei. Der Grossteil hat sich verabschiedet und wird nicht mehr zurück kommen. So wie ich. Ich habe einige persönliche Beziehungen welche ich nicht missen möchte, aber mit einem grossteil der Piraten welche heute aktiv sind kann ich nichts anfangen. Sie sind weder fähig zu sehen was nötig wäre noch sehen sie dass sie gerade die gleichen Fehler machen wie schon früher. Es ist für mich schwer loszulassen, ich war im Gründungskomitee, mehr als 3 Jahre im Vorstand, die halbe Infrastruktur wurde mal von mir unterhalten, und ich seh an allen Stellen wie es kaputt geht.

Nicht mal die Webseite ist einem akzeptablen Zustand, was sagt uns das über eine Partei welche die Internetgeneration vertreten will?

Es gäbe noch Möglichkeiten die Piraten zu retten, aber ich denke der Zeitpunkt an dem eine solche Änderung noch möglich gewesen wäre ist lang vorbei. Der Vorstand müsste mehr Macht bekommen. Ausschluss von Mitgliedern welche zu weit weg sind vom Kern der Piraten durch den Vorstand müsste möglich sein. Man müsste die Führungsfiguren am esoterischen und anarchistischen Rand aus der Partei werfen um eine Partei zu haben welche einigermassen kohärent ist. Aber die Extremisten haben bereits grosse Teile der Entscheidungsstruktur inne - und 2/3 an einer Versammlung sind in weite ferne gerückt für Änderungen zum Guten.

Aus diesem Grunde erkläre ich das Experiment Piratenpartei für Beendet, eine sehr harte Lektion für mich.

Ich weiss noch nicht wie es für mich weiter geht, um die Piraten wieder als Option zu ermöglichen müsste sich sehr viel ändern, daher suche ich eher nach anderen Optionen.

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