Thomas Bruderer
Jul11th ’13 12:00 pm

Rücktritt nach einem Jahr als Piratenpräsident

Eintrag von Thomas Bruderer

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2055 Kommentare

4 Monate ist es hier seit ich zurückgetreten bin als Präsident der Piratenpartei Schweiz. Es war ein schweres Jahr, ich kam mit vielen Vorsätzen und tollen Ideen, aber es war nicht möglich etwas zu organisieren. Nachdem ich die vergangenen 4 Monate vorallem zugesehen habe und mich wirklich nur zu Wort gemeldet hatte wenn ich es für absolut nötig empfand muss ich sagen, ich wünschte ich hätte diesen Aussenblick vor einem Jahr gehabt, dann wäre ich gar nicht erst angetreten.

Die Piraten sind eine Partei von Individualisten, und die meisten welche keine Zeit und Lust haben um einen zu grossen Effort in etwas zu stecken was keinen offensichtlichen Profit abwirft. Wir haben sehr engagierte Mitglieder, davon gibt es aber nur eine Handvoll, und einige davon sind zwar engagiert, interessieren sich aber weder für Politik noch bringen sie die Partei voran. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit sich selbst und schaffen sich selbst Projekte die sie dann selbst bearbeiten, oder schlimmer sie binden auch noch andere.

Am Anfang war viel Enthusiasmus da - der hat diese Schwächen überdeckt, doch davon ist nicht viel übrig geblieben. National gibt es keine 30 aktiven Piraten mehr, das Forum darf für sich selber sprechen, aber wirklich Aktive gibt es kein dutzdend mehr im Forum.

Ich war letzte Woche am Aargauer Stammtisch, wir hatten tolle Diskussionen und ich würde gerne mit diesen etwas voranbringen. Auch sie haben die genau gleichen Problemherde angesprochen die ich selbst sehe. Doch ich sehe keinen Wandel. Ich denke wenn bestimmte Leute nicht sehr schnell aus der Partei verschwinden wird sie sang und klanglos untergehen. Ich persönlich habe keinerlei Interesse in dieser Partei mehr Zeit zu verschwenden. Ich wurde angesprochen für eine Kandidatur für nächstes Jahr, im Moment muss ich sagen ist die wahrscheinlichkeit grösser dass ich austrete als das ich für meine Mitpiraten auf einer Liste kandidiere.

Ein grosses Problem - welches mich schliesslich auch zum Rücktritt gebracht hat - ist das fehlende Verständnis dafür das man bei Idealen manchmal auch einfach zurück stecken muss um etwas zu erreichen. Eine Delegiertenversammlung als undemokratisch zu verteufeln ist für eine demokratische Partei welche Parlamentarier pushen will einfach nur unglaubwürdig. Das Resultat der Abstimmung war das eine, aber auch die fehlende Flexibilität dabei zeigt das diese Partei nicht in der Lage sein wird zu einem Kollektiv zu werden.

Wir sind ein grosser Haufen an Individualisten welche alle glauben sie wüssten es am Besten, ich bin da auch keine Ausnahme. Aber wenn ich mir überlege in wievielen Fällen ich in den letzten Jahren zurück gesteckt habe im Vorstand nur damit der Vorstand einstimmig entscheidet, dann muss ich sagen ich habe meinen Teil getan, und auch die anderen im Vorstand haben immer wieder zurückgesteckt wenn sie wussten das die Einstimmigkeit wichtiger war als das Ergebnis.

Jetzt hat es auch Leute ohne jeglichem politischem und diplomatischem Fingerspitzengefühl im Vorstand, doch die vernünftige Mehrheit hat sich sehr gut geschlagen, und ich bin sehr glücklich einen Nachfolger zu haben wie Alexis. Er hat einiges geschafft, was ich nicht geschafft habe. Auch wenn die Ergebnisse des neuen Positionsprozess recht Klein erscheinen, haben sie es ganz klar besser zum laufen gekriegt als ich und Jos das geschafft haben.

Neben dem Individualismus welches fast alle Piraten vereint hat es auch einige Exponenten welche der Partei direkt schaden, aus ganz unterschiedlichen Gründen und leider aus ihrer Sicht nicht wahrnehmbar. Diese Situation hat sich seit meinem Rücktritt gar noch verschärft, hat aber wohl nur minimalen Einfluss auf die Situation jetzt.

Ich habe gesagt ich lasse mir 3 Monate Zeit bevor ich schaue wie es weiter geht - ich konnte mich nicht immer heraushalten - es ist sehr Traurig wenn man sieht wie die eigene Arbeit uns nicht voranbringt, und ich muss es zugeben, der Rücktritt war durchaus auf Individualistischen Entscheiden getroffen worden. Ich habe dem Kollektiv nicht mehr geholfen - und ich werde es auch nicht mehr tun bis ein Kollektiv entstanden ist und die Störelmente zumindest von ihren Ämtern entfernt wurden. Ich gehe davon aus das es sehr lange dauern wird bis diese Erkenntnis sich durchsetzt, und ich glaube das Window of Opportunity ist nicht so gross wie einige das glauben.

Ich habe mich auch intensiv mit den Deutschen und Internationalen Piraten befasst und diese Erkenntnis gilt noch viel mehr für die anderen Piratenparteien neben der Piratenpartei Schweiz. Es gibt noch am ehesten bei uns eine Konsenskultur.

Ich habe mir nun sogar 4 Monaten Zeit gelassen, und ich habe mich mehr eingemischt als ich das noch wollte. Aber für mich ist das Experiment "Piraten" vorläufig unterbrochen. Zweckoptimismus ist immernoch vorhanden und einige die sich wirklich ins Zeug legen. Aber die Erkenntnis das es so nicht weiter gehen kann und wird ist nicht angekommen. Ich werde dafür nicht mehr weiter meine Energie einsetzen, und ich glaube nicht mehr dass dies eine Konsolidierung ist wie es manche Piraten euphemistisch formulieren.

Ich werde daher bereits jetzt frühzeitig klar machen dass ich an den nächsten Wahlen 2014 und 2015 nicht mehr teilnehmen werde. Ich werde vorläufig aber weiter Pirat bleiben, auch wenn ich mich mit der momentanen Form nicht mehr wirklich identifizieren kann.

 

 

 

Kommentare

  • Geschrieben von Christian, 14/07/2013 11:48am (vor 4 Jahre)

    So einfach lassen wir Dich nicht gehen.
    Ok, zugegeben: zum "wir" kann ich eigentlich nicht viel sagen; *ich* lass Dich nicht so einfach davon!

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